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Gesundheitswirtschaft \"In der Vernetzung liegt das Geld\" (22.04.2009)

Das Wort Gesundheitsindustrie mag Michael Philippi nicht. Es klinge so, \"als ob man es nur im Dunkeln sagen dürfe\", sagte der Chef der privaten Klinikkette Sana. Gesundheitsindustrie, das hört sich nach profitgierigen Konzernen an, die statt an das Patientenwohl nur an den eigenen Gewinn denken.

Doch längst ist in dieser Dunkelheit aus dem durchweg regulierten deutschen Gesundheitswesen ein milliardenschwerer Markt entstanden. Trotzdem: Effizient ist das System noch nicht. Der steigenden Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen stehen gedeckelte Budgets gegenüber. Die Wirtschaftskrise tut ihr Übriges.

Die Teilnehmer der FTD-Konferenz Gesundheitswirtschaft diskutierten den Umbruch im Gesundheitsmarkt
Die Teilnehmer der FTD-Konferenz Gesundheitswirtschaft diskutierten den Umbruch im Gesundheitsmarkt

Um Patienten möglichst wirtschaftlich, aber gleichzeitig hochwertig und flächendeckend zu versorgen, werden stationäre und ambulante Versorger enger zusammenrücken und in einen Qualitätswettbewerb treten müssen. \"Wir müssen davon wegkommen, die Qualitätsfrage an einzelne Praxen zu stellen, sondern fragen, wie gut Regionen versorgt sind\", sagte Matthias Schrappe, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung des Gesundheitswesens auf der FTD-Konferenz Gesundheitswirtschaft in Berlin. \"Wir brauchen Qualitätsindikatoren für Regionen und Managed-Care-Programme.\"

Die häufige Kritik an privaten Klinikketten, die Versorgung von Patienten von deren Geldbeutel abhängig zu machen, sehen viele Experten als nicht gerechtfertigt. \"Die Trägerschaft ist in Sachen Qualität die falsche Frage. Qualität ist eine Frage der Einstellung, Qualifikation und Motivation der Menschen\", sagte der Chef der privaten Helios Kliniken, Francesco De Meo.

Doch egal ob öffentlich oder privat, ambulant oder stationär: Künftig wird das Geld neu verteilt - Zeit, sich in Stellung zu bringen. Die Krankenhäuser gründen ambulante Zentren und bieten ambulante Dienste an. Die Zahl der medizinischen Versorgungszentren (MVZ) steigt rasant, und Gesundheitsketten kaufen Arztsitze auf, um selbst MVZs zu gründen.

Auch die niedergelassenen Ärzte wollen sich von Gesundheitskonzernen nicht einfach überrollen lassen. Sie gründen Filialen, vereinen sich in Verbünden und schließen direkte Verträge mit Krankenkassen. Ohne die Ärzte geht es nicht, sagte Wolfgang Pföhler, Chef des börsennotierten Rhön-Klinikums. \"Wir müssen mit den niedergelassenen Ärzten gemeinsam die Versorgung organisieren.\"

Seine Vision ist eine \"Medizin der kurzen Wege\": das Klinikum als eine Art Spinne im Netz aus MVZs. In der Vergangenheit hat Rhön viele Arztsitze aufgekauft, zu MVZs vereinigt und an seine Kliniken angegliedert. Solche Zentren soll es künftig auch in Regionen geben, wo Rhön keine Krankenhäuser betreibt. Der Klinikkonzern könnte so zu einem attraktiven Vertragspartner für die Kassen werden.

Eine ähnliche Strategie verfolgt der Sana-Vorstandsvorsitzende Philippi. \"In der Vernetzung liegt das Geld\", sagte der Chef der viertgrößten Klinikkette Deutschlands. An den Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung gehe am meisten Effizienz und damit Geld verloren. Langfristiges Ziel von Sana ist es daher, die flächendeckende Versorgung in einer Region zu übernehmen.

\"Wir wollen Netze aufbauen mit einem Krankenhaus in der Mitte, flankiert von ambulanten Strukturen. Künftig werden die Kassen nur noch eine komplette Versorgung nachfragen - wir wollen sie anbieten und mit den Kassen regionale Versorgungsverträge schließen\", sagte Philippi. Doch bislang funktioniert die regionale Zusammenarbeit nur im Kleinen wie beispielsweise auf der Insel Rügen.

Viele Gesundheitswirtschaftsunternehmen wollen deutschlandweit wachsen, doch die notwendigen Kapitalgeber wie Private-Equity-Häuser oder ausländische Investoren halten sich zurück. \"Wir sind noch in der Gründerzeit der Krankenhauskonzerne, die Kapitalisierung kommt erst noch\", sagte Niko Stumpfögger, Bereichsleiter Gesundheitswirtschaft bei Verdi.

Als potenzielle Verlierer des Umbruchs sieht Georg Heßbrügge von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apobank) die Fachärzte. Diese müssten nun verstärkt ihre unternehmerischen Möglichkeiten scannen. \"Der Arzt muss den Kostenträgern Angebote machen\", sagte Heßbrügge. \"Er muss zum Unternehmer werden.\"

Wer in Zukunft bei der Versorgung von Regionen die Zügel in der Hand hält - ob Kliniken, Arztnetze oder Kassen -, ist noch offen, sagte Philippi. Eins aber stehe fest: \"Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei.\"
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Aus der FTD vom 26.03.2009


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