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Artikel-Services Ärztemangel Heilen statt jobben (22.04.2009)

Die Neurologin Klunk lebt schon seit 15 Jahren in Deutschland. Sie kam mit ihrem Mann, auch er ist Arzt, aus Russland. An seiner Seite erlebte sie, wie entbehrungsreich der Weg sein kann, der zur Anerkennung des erlernten Berufs in Deutschland führt. Bevor er als Arzt tätig werden durfte, arbeitete ihr Mann in weit abgelegenen Kliniken ohne Gehalt, während sie mit zwei Kindern in einem Heim wohnte. Dann arbeitete sie jahrelang als seine Helferin, doch nach der Scheidung muss sie, wie sie sagt, \"eigene Brötchen verdienen\".

„Gleichwertigkeitsprüfung“ vor der Ärztekammer
Heimgekehrt an den Ort seiner Kindheit: Der Russe Mikhail Ermakov

Heimgekehrt an den Ort seiner Kindheit: Der Russe Mikhail Ermakov

Ein Arzt oder eine Krankenschwester, habe er geglaubt, finde immer und überall Arbeit, sagt Mikhail Ermakov. Inzwischen weiß er es besser. Wie Maria Klunk und 19 andere Ärzte, vor allem aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion, hat Ermakov Anfang des Jahres die \"Gleichwertigkeitsprüfung\" vor der Ärztekammer abgelegt. 17 von ihnen haben bestanden, vier haben inzwischen eine Stelle. Eine Teilnehmerin, die gleichfalls die Approbation bekam, arbeitet vorläufig noch in einem anderen Beruf.

Und die anderen - werden sie in einigen Monaten alle eine Arztstelle haben? Ja, meint Regina Weiz. Sie hat eine gewisse Erfahrung in diesen Dingen. Im Auftrag der Otto-Benecke Stiftung hat sie das Ärzteintegrationsprojekt im vergangenen Jahr begleitet und dabei nicht nur die Teilnehmer der Gruppe kennengelernt, sondern auch die verschiedenen Hürden, die ihrer beruflichen Eingliederung im Weg stehen. Obwohl sie alle medizinisch ausgebildet waren, lag jeder Fall ein wenig anders, und es waren andere Stellen für die Bewältigung diverser Schwierigkeiten zuständig. Der eine ist als Spätaussiedler deutscher Staatsbürger, die andere - aus Russland, Usbekistan oder Serbien - behielt ihre Herkunftsstaatsbürgerschaft und muss beispielsweise die Arbeitserlaubnis immer wieder erneuern lassen.

„Peitschenhieb“ aufs Gehirn
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Insgesamt ist das Projekt eine Erfolgsgeschichte. Die brandenburgische Gesundheitsministerin Dagmar Ziegler (SPD) hofft, dass alle Mediziner in ihrem Land tätig sein werden: \"Wir sind darauf angewiesen, dass wir gut ausgebildete Ärzte haben\", sagte sie bei der feierlichen Überreichung der Abschlusszertifikate.

Mikhail Ermakov wohnt in Potsdam, wo er zwischen 1967 und 1973 eine \"schöne Kindheit\" verbracht hat: als Kind zweier sowjetischer Militärärzte, die in Potsdam stationiert waren. Er besitzt viele Fotos aus der Zeit, die seine Eltern vor den Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen oder am Tisch im Gespräch mit dem berühmten, kürzlich verstorbenen Gerichtsmediziner Otto Prokop von der Charité. In der Schule der Armee habe er Englisch gelernt, nicht Deutsch, erzählt Ermakov, und obwohl er damals durchaus Kontakt zu deutschen Kindern gehabt habe, sei sein Deutsch in über dreißig Jahren rostig geworden. Er ist, wie schon seine Großmutter, Absolvent der medizinischen Hochschule in Rostow am Don, und wie sie ist er Neurologe und Psychiater. Er hat im Rettungsdienst gearbeitet, auf der Intensivstation, in der Suchtbehandlung. Bevor er Ende 2005 nach Deutschland zog, hatte er gehört, hier könne er in seinem Beruf arbeiten.

Doch das erwies sich als schwierig, oder wie einer seiner Kollegen es mit Hilfe eines kleinen Sprachcomputers ausdrückt: Integration sei ein \"Peitschenhieb\" aufs Gehirn. Der Computer bot auch den Begriff für das an, was Einwanderer eigentlich brauchten: Mit einem \"Führer\" sei es leichter, den besten Sprachkurs zu finden, die korrekte Auskunft zu bekommen und einer Behörde eine unkonventionelle Einzelfallentscheidung abzuringen. Mal hieß es, Ermakov habe die Altersgrenze von fünfzig Jahren überschritten, mal war ein angestrebter Kursus kostenpflichtig, und das Jobcenter übernahm die Kosten nicht. Für ihn war das Ärzteintegrationsprojekt die Rettung.

Nicht alle Ehen haben den Stress überstanden
Spätaussiedler haben es etwas leichter: Walter Schukow aus Tula

Spätaussiedler haben es etwas leichter: Walter Schukow aus Tula

Über die Härten des Einwandererlebens reden die meisten Ärzte mit spürbarer Zurückhaltung: \"Ich habe doch die Entscheidung selbst getroffen\", sagt etwa Zinaida Fomenko, \"ich kann niemandem die Verantwortung zuschieben.\" Neue Leute, eine fremde Sprache, das bedeute immer und überall Stress. Der \"Star\" der Gruppe war der 51 Jahre alte Vadim Romanov, der unmittelbar nach bestandener Prüfung eine Stelle als Gynäkologe am Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus antrat und vor Interview- und Fotowünschen in den ersten Wochen kaum dazu kam, sich in seine neue Stelle einzugewöhnen. Von den 320 Ärzten der Cottbuser Klinik sind etwa zehn Prozent Ausländer. Sie brächten extrem unterschiedliche sprachliche Voraussetzungen mit, sagt der stellvertretende Ärztliche Direktor Thomas Erler. Deshalb arbeitet er an einem praxisbegleitenden Deutschkurs für seine Klinik. Da ein Arzt \"ununterbrochen kommunizieren\" müsse, bilde die Sprache nun einmal das \"entscheidende Handwerkszeug\".

Der Thoraxchirurg Walter Schukow ist mit 35 Jahren einer der jüngeren Teilnehmer des Projekts und hatte weniger Umstellungsprobleme als seine älteren Kollegen. Er kam erst Anfang 2007 als Spätaussiedler aus Tula in Russland und hat nun schon seine Approbation in der Tasche - und Aussicht auf eine Stelle. Intelligenz und Selbstbewusstsein springen ihm nur so aus den Knopflöchern. Doch ohne das Ärzteintegrationsprojekt, sagt er, sei er nicht sicher, ob er die Prüfung hätte bestehen können, denn er habe keinerlei Vorstellung davon gehabt, was geprüft würde und was er dafür lesen müsste. Schukow lobt die deutschen medizinischen Lehrbücher: Sie seien gut und verständlich geschrieben. Und wie Maria Klunk und Mikhail Ermakov lobt er Professor Günter Linss, der die Gruppe auf die Prüfung vorbereitet hat. Überhaupt geizen die Ärzte nicht mit lobenden Worten für alle, die ihnen geholfen haben. Doch merkt man vor allem den Männern an, dass die Begleitung noch früher ansetzen und noch dichter an jedem Einzelnen sein könnte. Nicht alle Ehen haben den Integrationsstress überstanden.

Ärzte zum Jobcenter

Von März bis Dezember 2008 lernten die 21 Ärzte zunächst drei Monate und 520 Unterrichtsstunden lang Deutsch, 120 Stunden davon erhielten sie individuellen Förderunterricht. Es folgten viermonatige Praktika in Brandenburger Krankenhäusern, an drei Wochenenden trafen sie sich zum Erfahrungsaustausch. Im dritten Teil des Unternehmens wurden sie gezielt auf die \"Gleichwertigkeitsprüfung\" vor der Ärztekammer vorbereitet. Die Prüfung, sagt Regina Weiz von der Otto Benecke Stiftung, habe es in sich: Auf eigene Faust sei sie kaum zu bestehen.

Den letzten Anstoß für das Unternehmen, berichtet die Brandenburger Integrationsbeauftragte Karin Weiß, habe die Jüdische Gemeinde in Potsdam gegeben. Im Gesundheitsministerium habe zwar ein Konzept für ein ähnliches Projekt existiert, denn das Problem sei schon lange bekannt, doch als die Gemeinde eine Liste von etwa zwanzig Ärzten präsentiert habe, die nicht arbeiten konnten, sei die Entscheidung, endlich aktiv zu werden, sehr beschleunigt worden. Statt die Ärzte - sie sind in der Mehrheit 45 bis 50 Jahre alt - weiterhin zum Jobcenter zu schicken, wo sie Arbeitslosengeld II beziehen, oder zuzuschauen, wie sie ihr Geld mit niederen Tätigkeiten verdienen, wollte man ihnen den Weg in ihren Beruf ebnen. Und da in Brandenburg Ärztemangel herrscht, trafen sich die Interessen der Einwanderer mit denen ihrer neuen Heimat. 150.000 Euro aus dem Europäischen Sozialfonds und dem Landesetat reichten, um innerhalb eines Jahres 17 erfahrene Ärzte zu gewinnen.

Illegal in Belgien

Die Sprache, sagt die Gynäkologin Zinaida Fomenko aus Usbekistan, die Sprache sei das Wichtigste überhaupt. Das Sprachelernen könne einem niemand abnehmen: \"Wenn man nichts macht, dann lernt man nichts.\" Zinaida Fomenko ist 52 Jahre alt, seit April arbeitet sie als Assistenzärztin in der gynäkologischen Abteilung des Kreiskrankenhauses Prenzlau in der Uckermark. Auch ihr Weg zur ersten Arztstelle in Deutschland war lang. 2001 kam sie als jüdischer Kontingentflüchtling nach Pinneberg in Schleswig-Holstein. Sie lernte Deutsch, belegte einen Kurs für Ärzte, machte ein Praktikum und erhielt ein Angebot eines Krankenhauses in Sachsen-Anhalt. Daran waren komplizierte Bedingungen geknüpft. Dann aber waren plötzlich andere Verpflichtungen wichtiger als die Sicherung der eigenen beruflichen Zukunft: Ihre Mutter und ihre Schwester lebten als Illegale in Belgien und bedurften der Hilfe. So ging sie putzen, lebte bescheiden und schickte Geld nach Belgien. Seit zwei Jahren sind die Angelegenheiten ihrer Familie geregelt. Ein Potsdamer Bekannter machte sie auf das Ärzteintegrationsprojekt aufmerksam. Einen Bildungsgutschein dafür erhielt sie in Pinneberg aber nicht. Dazu musste sie erst nach Potsdam umziehen. Auch der deutsche Föderalismus birgt für Einwanderer manch undurchschaubares Geheimnis.

Am Prenzlauer Kreiskrankenhaus hat Frau Fomenko jetzt einen Dreijahresvertrag, und wenn alles gutgeht, kann sie in dieser Zeit ihre Facharztprüfung ablegen. 19 Jahre lang hat sie schon in ihrem Beruf gearbeitet, doch vor der ersten Stelle in Deutschland hatte sie regelrechtes Lampenfieber. Ihr Deutsch ist gut, wie das von Maria Klunk. Auf ihre Bewerbungen hat Frau Fomenko sieben Absagen erhalten, weil in Brandenburg nur Fachärzte für Gynäkologie gesucht werden. Frau Klunk hat ihre ideale Arbeitsstelle dort gefunden, wo sie ihr Praktikum gemacht hat: Die Klinik in Beelitz ist in ihren Augen eine der ersten Adressen für Parkinsonkranke, sie freut sich, dort arbeiten zu können.

Österreicher nach Ostdeutschland

In Brandenburgs Krankenhäusern fehlen nach Schätzung der Krankenhausgesellschaft an die 180 Ärzte, vor allem aus den Fachrichtungen Chirurgie und Anästhesiologie. Die Kassenärztliche Vereinigung schätzt, dass 170 Hausärzte und etwa zwei Dutzend Fachärzte aller Richtungen fehlen. Brandenburg sei das Land mit der geringsten Arztdichte in Deutschland, nur der Speckgürtel um Berlin herum sei einigermaßen angemessen versorgt. In diesem Sommer werden die Krankenhausgesellschaften aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt abermals in Graz, Innsbruck und Wien mit offenen Stellen an ostdeutschen Krankenhäusern um österreichische Mediziner werben. Brandenburg unterhält keine eigene medizinische Hochschule, hat also keinen unmittelbaren Zugang zum Nachwuchs. Umso mehr bedauert man, dass die Berliner Hochschulmedizin, die Charité, ihren Ausbildungsvertrag mit Brandenburger Häusern gekündigt hat. Thomas Erler, der stellvertretende Ärztliche Direktor der Cottbuser Carl-Thiem-Klinik, erklärt, warum ausgerechnet in Österreich Mediziner für Ostdeutschland rekrutiert werden: Dort herrsche gegenwärtig ein Missverhältnis von Absolventen und Stellen für die Facharztausbildung. Sein Krankenhaus sei so groß, dass es viele Fachrichtungen anbieten könne, und in den fünf Jahren einer Facharztausbildung werde mancher österreichische Mediziner wohl Gefallen an der Lausitz finden.

Brandenburg geht einige neue Wege, um die medizinische Versorgung auf dem Lande auch dann zu sichern, wenn immer mehr Regionen dünnbesiedelt und Arztstellen dort schwer zu besetzen sind. Schon jetzt haben, schätzt man im Gesundheitsministerium, etwa 450 Ärzte in Brandenburg ausländische Wurzeln. Aus dem Modellprojekt \"Gemeindeschwester\" ist Anfang 2009 ein Regelangebot geworden. Überall in Deutschland können Gemeindeschwestern, ausgestattet mit moderner Technik, alten oder gebrechlichen Patienten den persönlichen Besuch in der Praxis ersparen beziehungsweise den Arzt von Hausbesuchen für Routineangelegenheiten entlasten.

„Ressourcenverschwendung ersten Grades“

Erleichterung hat die EU-Mitgliedschaft Polens gebracht. Seitdem brauchen polnische Ärzte nicht mehr mühselig ihr Studium in Deutschland zu wiederholen, um hier arbeiten zu dürfen, sondern haben einen Rechtsanspruch auf Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse. In den Krankenhäusern der Städte an der Oder arbeiten viele polnische Ärzte.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, vermutet, bei ausländischen Akademikern sei ein \"integrationspolitischer Schatz\" zu heben. Sie schickt sich an, ihn zutage zu fördern. Bis zu 500 000 Akademiker gebe es in Deutschland, die unterhalb ihrer Qualifikation arbeiten, weil ihre ausländischen Abschlüsse nicht anerkannt seien. Frau Böhmer will durchsetzen, dass auch Nicht-EU-Bürger das Recht auf Teilanerkennung und Anpassungsqualifizierung erhalten - für alle Berufe und alle akademischen Abschlüsse. Es sei \"Ressourcenverschwendung ersten Grades\", mit qualifizierten Leuten so umzugehen, seien sie Akademiker, Handwerker oder Facharbeiter. Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten und Apotheker sowie Juristen unterliegen der Gesetzgebung des Bundes, die Anerkennungsverfahren aber werden von den Kammern, den Ministerien oder Behörden der Länder geführt. Bei Architekten, Lehrern, Erziehern, Sozialarbeitern und Altenpflegern wiederum haben die Länder die Gesetzgebungskompetenz, so dass es jeweils bis zu 16 verschiedene Anerkennungsverfahren geben kann. Einen Rechtsanspruch auf Anerkennungsverfahren besitzen allerdings nur Spätaussiedler und - bei den sogenannten reglementierten Berufen - EU-Bürger. Der \"Anerkennungsdschungel\" müsse dringend gelichtet werden, sagt Frau Böhmer.

Ganz am Anfang steht man dabei nicht. Die Otto Benecke Stiftung, ein gemeinnütziger Verein, der 1965 auf Initiative der Deutschen Studentenverbände gegründet wurde und im Auftrag der Bundesregierung tätig ist, hat Erfahrung in der berufsbegleitenden Betreuung von Einwanderern. Für das Brandenburger Ärzteintegrationsprojekt jedenfalls hat Regina Weiz auch die \"Nachsorge\" übernommen. Sie wird die Absolventen bis zu ihrer ersten Stelle im neuen Land begleiten.



Text: F.A.Z.


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