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Kein Platz auf der Intensivstation (29.04.2009)

Ludwigshafen/Berlin - Gerade hat Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) das Thema der fünften Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft \"Erfolgreich altern - der demografische Wandel als Chance\" vorgestellt, die Anfang Mai in Rostock-Warnemünde stattfindet - da macht eine Hiobsbotschaft die Runde. Sie kündet von einer Kehrseite des demografischen Wandels und des medizinischen Fortschritts: Auf jeder dritten Intensivstation werden Patienten gelegentlich aus Kapazitätsgründen abgelehnt, auf 67 Prozent der Stationen wird rationiert, und auf jeder dritten entscheidet der Chefarzt persönlich, welcher Patient sehr teure, moderne Therapien erhält - und wer nicht. Das ist das Ergebnis einer Umfrage bei 540 deutschen Kliniken.
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Durchgeführt hat die Analyse Professor Joachim Boldt, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Klinikum Ludwigshafen. Der Mediziner spricht von \"versteckter Rationierung\": Viele Krankenhäuser würden die Zahl der Intensivbetten von vornherein niedrig halten oder den Rettungsdiensten \"belegt\" melden, um sich schwierige und damit kostspielige Patienten zu ersparen. Gerade in Ballungszentren sei das ein Problem. \"Es darf nicht sein, dass Krankenwagen mit einem Schwerverletzten von Klinik zu Klinik fahren, weil keine Intensivstation ein Bett frei hat.\"

Jan-Peter Braun, Oberarzt an der Berliner Charité, fährt selbst oft im Rettungswagen mit. Er bestätigt Boldts Aussagen: \"Das ist eine Katastrophe. Viele Intensivbetreiber melden sich einfach ab, weil sie keine Kapazitäten frei haben. Es gibt aber nichts Schlimmeres, als mit Patienten auf der Straße zu sitzen.\"

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft weist die Vorwürfe zurück. \"Die Daten geben das überhaupt nicht her\", sagt Sprecher Moritz Quiske. Es handle sich hier vielmehr um die Interessenpolitik einer Berufsgruppe. Tatsächlich kletterte die Zahl der Intensivbetten in deutschen Kliniken in den Jahren 1994 bis 2007 um elf Prozent von 20 971 auf 23 357.

Allerdings ist Intensivbett nicht gleich Intensivbett: Viele stehen nicht auf Intensivstationen und sind damit gar nicht notfalltauglich, nur 445 der insgesamt 2087 deutschen Kliniken verfügten im Jahr 2007 über eine eigene Fachabeilung Intensivmedizin. Die restlichen 1286 Häuser begnügen sich mit \"Betten zur intensivmedizinischen Versorgung\". Wo genau wie viel Betten aufgestockt oder abgebaut wurden, bleibt unklar. So werden etwa Intensivbetten außerhalb der Intensivstationen für Beatmungspatienten genutzt, die auf ihre Entlassung in ein Heim warten. \"Damit lässt sich gut Geld verdienen. Das ist für die Klink gut planbar, besser jedenfalls, als einen komplizierten Notfall aufzunehmen und zu betreuen\", sagt Braun.

Die Zahl der Belegungstage in der intensivmedizinischen Versorgung erhöhte sich 1994 bis 2007 um 23 Prozent von 5,6 auf 6,9 Millionen. Das liegt auch daran, dass immer mehr Hochbetagte operiert werden. Boldt: \"Wir haben heute 80- und 90-Jährige routinemäßig im OP. Bald werden wir über 100-Jährige haben.\" Die Zahl der 80- bis 85-jährigen OP-Patienten stieg von 2005 bis 2007 um elf Prozent, bei den über 95-Jährigen sogar um 16 Prozent.

Für den Chirurgen, so Boldt, mache es oft keinen Unterschied, ob er einen 20- oder 80-Jährigen operiere. \"Die Nachsorge sieht bei beiden aber völlig anders aus.\" Der Jüngere kann meist rasch wieder heim, der Ältere, der oft mehrere Grundkrankheiten mitbringt, muss intensiver nachbetreut werden - und bleibt so länger im Intensivbett.

Boldt berichtet von einem alten, schwer kranken Patienten, der wochenlang beatmet werden musste, bei dem es aber keine Hoffnung auf Besserung seines Zustands gab. \"Die Angehörigen waren sehr anspruchsvoll und wollten Maximalversorgung.\" Als Boldts Team schließlich einen Platz für den Patienten in einem Pflegeheim gefunden hatte, lehnte die Familie ab: \"Der Platz hätte sie 1500 Euro gekostet. Das Geld wollten die Angehörigen nicht zahlen. Die Klinik sei für sie ja gratis.\"

Oft komme es auch zu \"unglücklichen Behandlungsketten\". In Pflegeheimen schicke man alte Menschen bei ersten Anzeichen von Unpässlichkeit in die Klinik. Boldt: \"Hier werden sie oft noch operiert, liegen wochenlang auf der Intensivstation - und sterben am Ende doch.\" Boldt spricht vom \"deutschen Machbarkeitswahn\".

Eine Untersuchung der Universität Basel zeigte im vorigen Sommer, dass 76 Prozent der Ärzte und 86 Prozent der Pflegekräfte auf Geriatrie- und Intensivstationen miterleben, dass eigentlich sinnlose medizinische Maßnahmen getroffen werden. Schuld sind oft Meinungsverschiedenheiten zwischen Chirurg und Intensivmediziner: Der Chirurg empfiehlt bei der Übergabe Maximaltherapie, obwohl der Intensivmediziner sieht, dass die Situation hoffnungslos ist.

\"Wir sitzen in der Fortschrittsfalle\", sagt Boldt. Mehr Geld verlangt der Mediziner nicht für seine Disziplin, das \"wäre sowieso nie genug\", aber endlich eine offene Auseinandersetzung mit dem Thema Rationierung. \"Das ist hierzulande immer noch tabu, anders als in England und den USA. Dabei ist Rationierung unausweichlich, sie findet ja längst statt - nicht nur in der Transplantations-, auch in der Intensivmedizin.\"

q:welt


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