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Im Tiefflug übers geschundene Paradies (29.04.2009)

Ochtrup. Öde Wüsten und blühende Wiesen, schroffe Berge und glitzernde Seen, karge Dörfer und moderne Metropolen – Afghanistan ist voller Gegensätze. Das hat Jörn Oberndörfer bei seinen Einsätzen im Norden des Landes immer wieder beobachtet – mal aus acht, mal aus 2000 Metern Höhe. Der Hubschrauberpilot der Bundeswehr ist vor 14 Tagen von seinem neunten Einsatz in der Krisenregion zurückgekehrt. Fünf Wochen lang war der Hauptmann der Heeresflieger Rheine in Mazar-e Sharif stationiert. Seine Aufgaben dort: Lufttransporte von Ausrüstung und verletzten oder erkrankten Soldaten, Polizisten und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen.
„In Mazar-e Sharif hat die Bundeswehr ein riesiges Lager an den dortigen Flughafen angegliedert. Dort gibt es das größte Krankenhaus in der Region mit entsprechenden Fachärzten und medizinischer Ausrüstung“, erklärt Oberndörfer. Die 330 000-Einwohner-Stadt ist die „drittheiligste Stätte des Islam“. Dort steht die berühmte „Blaue Moschee“. Besucht hat Oberndörfer die Stadt noch nicht. Die Heeresflieger sind während ihres Einsatzes praktisch ständig in Bereitschaft. Sie verlassen das Lager nur auf dem Luftweg. „Es gibt für uns keinen Kontakt zur Bevölkerung, außer zu den Zivilisten, die im Lager arbeiten“, erzählt Oberndörfer. Die Gefährdung für diejenigen, die den gesicherten Bereich verlassen müssen, sei enorm.
Aber auch in der Luft sind die Einsatzkräfte nicht sicher. Der Hubschrauber, ein CH-53, das „Arbeitstier“ der Heeresflieger, ist mit Bordwaffen und einem 360-Grad-Schutz gegen gelenkte Raketen ausgestattet. Zusätzliche Tanks ermöglichen Flugstrecken von 800 bis 1000 Kilometer bei einer Reisegeschwindigkeit von 110 Stundenkilometern. Zwischenlandungen in dem Land, das doppelt so groß ist wie die Bundesrepublik, sollen vermieden werden. Zu ihrem eigenen Schutz fliegt die siebenköpfige Crew, der Oberndörfer als Kommandant vorsteht, häufig in nur acht Metern Höhe dicht über dem Boden. Das soll den Hubschrauber, der ansonsten ein relativ leichtes Ziel ist, weniger angreifbar machen. Aus dieser Höhe hat Oberndörfer das Land inzwischen viele Stunden lang in Augenschein genommen. „Afghanistan ist faszinierend. Es gibt viele verschiedene Vegetationszonen. Gerade jetzt im Frühling wird die Wüste plötzlich grün“, sagt Oberndörfer. Das Land habe durchaus Qualitäten für den Tourismus. Doch daran ist derzeit nicht zu denken. Schon seit Jahren kommt Afghanistan nicht zur Ruhe. Terroranschläge und Krisen sind auch nach dem Sturz des Taliban-Regimes immer wieder an der Tagesordnung. Was von oben ebenfalls gut zu erkennen ist: riesige Mohnfelder. „Das Land ist von Drogen verseucht“, meint Oberndörfer.
Schon mehrmals haben die Systeme des Hubschraubers während der Einsätze des Ochtrupers einen Angriff gemeldet. Wirkliche Gefahr bestand laut Oberndörfer aber nicht, denn die empfindliche Elektronik reagiert auch auf andere Signale. Weil die Piloten im Cockpit jedoch nicht wissen, ob es sich nicht doch um eine Rakete handelt, fliegen sie das übliche Manöver. Angst, so Oberndörfer, gebe dabei nicht, „das läuft alles mechanisch ab, man ist dann einfach hochkonzentriert“.
Auch ohne solche Zwischenfälle ist das Fliegen in dem Land zwischen China, Pakistan und dem Iran anstrengend genug. „Die Höhe und die Hitze sind eine große körperliche Belastung. Jetzt waren es angenehme 20 Grad, aber im Sommer steigen die Temperaturen im Cockpit auf 55 Grad“, erklärt der Ochtruper. Dann wechseln sich die Piloten regelmäßig ab. „Das hält man sonst nicht durch.“
Zu schaffen macht den Hubschraubern auch der Staub. Die Triebwerke sind mit speziellen Staubabweisern ausgestattet, sonst würde ihre Leistung erheblich sinken. Landungen werden zum Balanceakt, denn kurz vor dem Aufsetzen, sehen die Piloten oft nichts mehr unter sich außer großen Staubwolken. Nicht selten müssten sie eine Landung dann abbrechen, so Oberndörfer. „Ohne Sichtkontakt zum Boden geht das nicht.“
Die Helikopter sind jeweils nur 180 Stunden im Einsatz. Dann werden sie auseinander gebaut und reisen in einer Transall verpackt zum Check nach Deutschland. So sind derzeit alle 20 Hubschrauber der Rheiner Heeresflieger ständig im Einsatz oder unterwegs.
Neben Transporttouren sind die Piloten aus Deutschland vor allem für den medizinischen Bereich im Einsatz. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang müssen sie innerhalb von 30 Minuten in der Luft sein, in der Nacht binnen 90 Minuten. Die Crew steht dauernd auf Abruf bereit.
Ab und zu hat Oberndörfer auch schon afghanische Zivilisten in das große Krankenhaus geflogen. „Ein Kind, das angefahren wurde, haben wir mal aus einem 500 Kilometer entfernten Lager abgeholt. Für sie und ihren Onkel war das natürlich etwas völlig Unbekanntes.“ Denn das verbreitetste afghanische Transportmittel ist allerorten der Esel. Und der braucht für 500 Kilometer ungleich länger. Die stete Bereitschaft, verbunden mit langen Wartezeiten in der relativ kargen Unterkunft des Lagers, trägt dazu bei, dass die Einsatzkräfte froh sind, nach fünf Wochen nach Hause zurückzukehren. „Diese Zeit ist immer eine Belastung für die ganze Familie“, sagt der Vater von drei Kindern. Aber: „Es ist extrem wichtig, dass wir das dort machen, um die Bevölkerung zu schützen“, ist Oberndörfer überzeugt. „Denn auch die Menschen dort gehen nur ihrem Alltag nach. Sie werden durch jeden Terroranschlag aus ihrem Leben herausgerissen.“


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