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Frau im Arztberuf - Klinik, Kind, Karriere (06.05.2009)

Mit den berühmten drei großen „K“ hatten Frauen schon immer ihre Probleme. Früher standen sie für „Küche, Kinder, Kirche“. Heute werden sie von Frauen im Arztberuf als selbstbewusste Forderung interpretiert: „Klinik, Kind, Karriere“. Indem Ärztinnen mit diesem Spruch sogar auf der Straße demonstrieren, soll klar gemacht werden, dass sie sich längst nicht mehr mit dem gleichberechtigten Zugang zum Beruf zufrieden geben. Sie möchten ebenso wie ihre männlichen Kollegen gefördert und entsprechend ihren Leistungen honoriert werden. Und sie möchten Familie und Karriere vereinen können.

Ganz oben wird die Luft sehr dünn
Obwohl der Frauenanteil der Studierenden der Humanmedizin über 50 % beträgt, verringert sich dieser Anteil eklatant je höher man in die Endscheiderebenen an Kliniken und Universitäten steigt. Dies konstatierte nicht zuletzt die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) in ihren Materialien zum Thema „Frauen in der Medizin“: „Während derzeit bei den Hochschulzugangsberechtigten, Erstimmatrikulierten und Studierenden die Frauenanteile über denen der Männer liegen und nahezu gleich viele Frauen wie Männer in einem medizinischen Fach promoviert werden, erreicht nur ein Bruchteil des weiblichen Ausgangspotenzials eine Führungsposition.“

Tatsächlich ist der Anteil der Medizinerinnen an der gesamten Ärzteschaft in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Zum 31.12.2005 waren an den Landesärztekammern insgesamt 400.562 Ärztinnen und Ärzte gemeldet, unter ihnen 166.013 Ärztinnen. Damit beträgt der aktuelle Anteil der Medizinerinnen an der Ärzteschaft 41,4 % und hat somit im Vergleich zu 2004 (41,0 %) erneut leicht zugelegt. In dieser Erhebung sind jedoch auch jene Mediziner erfasst, die ohne ärztliche Tätigkeit oder, wenn auch zu einen sehr geringen Prozentsatz, arbeitslos sind. So beträgt der Anteil der berufstätigen Ärztinnen an der berufstätigen Ärzteschaft dann auch nur mehr 39 %.

Die Verteilung der Geschlechter gerät jedoch noch mehr aus dem Gleichgewicht, wenn man die in der aktuellen Ärztestatistik der Bundesärztekammer verzeichnete Zahl der Ärztinnen und Ärzten heranzieht, die stationär leitend tätig sind. Hier sind von den 14.328 leitenden Medizinern gerade mal 1.597 weiblich, also nur noch knapp über 11 %. Wobei ihr Anteil an der stationären Tätigkeit insgesamt ebenfalls rund 39 % beträgt.

Je höher man in den Hierarchien steigt, in Klinikleitungen und an den Universitäten, desto weniger sind Frauen repräsentiert. „In der klinisch-praktischen Humanmedizin waren im Jahr 2001 sogar nur 2,8 % aller C4-Professuren, die dort mit einer Klinikleitung verbunden sind, mit Frauen besetzt“, resümiert die BLK in ihren Materialien.

Nicht nur der Weg nach oben erweist sich für Ärztinnen als schwieriger als für ihre männlichen Kollegen. Auf bestimmten Gebieten, wie der Chirurgie und der Orthopädie, sind Frauen ganz besonders selten vertreten. Laut aktueller Statistik der Bundesärztekammer sind von den 19.398 Chirurgen gerade mal 2.819 weiblich. Erst 2001 erlangte mit Prof. Dr. med. Doris Henne-Bruns die erste Frau in der Bundesrepublik eine C4-Professur für Visceral- und Transplantationschirurgie und wurde Klinikchefin an der Universitätsklinik Ulm.

Stolpersteine in den Weg gelegt
Frau Dr. med. E. Wagler von der Universitätsklinik Leipzig schilderte in einem Vortrag das Dilemma. Denn gerade in der Phase der Familienplanung türmen sich den angehende Chirurginnen eine ganze Reihe von Stolpersteinen in den Weg: „Insbesondere auch während der Schwangerschaft haben Chirurginnen Schwierigkeiten hinsichtlich ihrer Weiterbildung. So werden durch das Mutterschutzgesetz Nachtarbeit, dazu zählt natürlich auch der Bereitschaftsdienst bzw. Notarztdienst, sowie Arbeiten, die mit langen Stehzeiten (Operationen) verbunden sind, spätestens ab dem 5. Monat untersagt. Daraus resultierend sind diese Kolleginnen meist in den Ambulanzen eingesetzt oder gar arbeitsunfähig geschrieben, was de facto zu einer längeren Weiterbildungszeit führt oder im Extremfall zur Aufgabe der chirurgischen Laufbahn.“

Warum sich Ärztinnen auf ihrem Berufsweg nicht genauso wie Männer durchsetzen, sondern es eine Reihe von so genannten Segregationsprozessen gibt, also die Unterrepräsentation von Frauen in bestimmten Fachgebieten und in den prestige- und einkommensstarken Hierarchieebenen zu verzeichnen ist, untersuchen Psychologen an der Freien Universität Berlin in einer Langzeitstudie, die dort 1998 startete. Erste Ergebnisse stellten die Forscher 2003 im Deutschen Ärzteblatt vor (Dtsch. Ärzteblatt 2003; 100: A 166-169 [Heft 4]). Untersucht wurden die Berufsbiografien von Medizinern und Psychologen. Ein Fazit, das dort veröffentlicht wurde, lautete: Männer machen Karriere ­– Frauen versuchen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Außerdem, so die Psychologen, legten Frauen bei der Definition von Erfolg oft andere Maßstäbe an als Männer: „Erfolgreich ist für sie oft der Berufsverlauf, der sich optimal in ein ganzheitliches Konzept von Lebensführung einfügt, beziehungsweise, der sich optimal mit dem privaten Lebensstrang integrieren lässt.“

Doch auch jene Frauen, die auf eine Familie verzichten, machen in der Medizin nicht automatisch Karriere. Denn, so berichtet Frau Dr. med. Astrid Bühren , Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes e. V., ein Karrierehemmnis sei alleine schon die gesellschaftliche Erwartung, eine Frau könne Kinder bekommen. Die BLK spricht in ihren Materialien zudem von einer „subtilen Diskriminierung“, denn sowohl Frauen als auch Männer neigten dazu, Frauen unterzubewerten und Männer überzubewerten. Sicher aber haben Männer im Gegensatz zu Frauen auf ihrem Weg nach oben bereits feste Beziehungssysteme geschaffen, die sie in ihrer Karriere unterstützen.

Netzwerke für die Karriere knüpfen
Der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) hat genau dieses Manko früh erkannt und bietet deshalb ein Mentorinnennetzwerk an, das Ärztinnen auf ihrem Karriereweg intensiv berät. Ähnliche Hilfestellung bieten der Marburger Bund sowie eine Reihe von Projekten an Universitäten.

Um bereits Studentinnen und Ärztinnen bis 40 Jahre bei der Studien- und Berufsplanung sowie bei der Weichenstellung für die Karriere mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, etablierte der Deutsche Ärztinnenbund das „Junge Forum“, dessen Vorsitzende Dr. med. ToniaIblher seit September 2005 ist. Sie kennt die Fragen und Probleme der Studentinnen und ihrer jungen Kolleginnen: „Häufig wiederkehrende Fragestellungen auf den Treffen des Jungen Forums im DÄB sind: „Wie gelingt mir der Berufseinstieg? Wie werde ich Fachärztin? Wie lässt sich Familie und Beruf vereinbaren? Wo liegen typisch weibliche Karrierehemmnisse? Wie kann ich mich gelassen durchsetzen?“ Und Frau Dr. Iblher weist darüber hinaus auf ein weiteres Problem hin: „Ein großes Problem im Studium für Studentinnen sind sicherlich die fehlenden Vorbilder, da es nur sehr wenige weibliche Dozenten und Professoren an den Universitäten gibt. Über das Mentorinnennetzwerk des DÄB versuchen wir hier Abhilfe zu schaffen.“

Dass nicht jede junge Ärztin – ebenso wenig wie jeder junge Arzt – in einer C4-Professur das einzige Ziel ihrer beruflichen Laufbahn sieht, liegt auf der Hand. „Im Ärztinnenbund sprechen wir statt von ‚Karriere’ von ‚Lebensplanung’“, erläutert Dr. Iblher. Manche Ärztinnen, seien zufrieden mit zwei Kindern und einer Halbtagsstelle oder der Tätigkeit in einer Allgemeinarztpraxis. „Schön wäre es, wenn möglichst viele Frauen ihre Lebensplanung verwirklichen könnten. Dafür ist bei der Kombination von Familie und Beruf sicherlich eine grundsätzliche Planung wichtig.“ Dass viele Frauen deshalb aber auf eine Karriere beispielsweise auf dem Gebiet der Chirurgie augenscheinlich verzichten müssen, möchte Frau Dr. Iblher nicht akzeptieren.

Sie weiß aber auch, wo die „Kardinalfehler“ liegen: „Viele Kolleginnen stellen ihr Licht zu sehr unter den Scheffel und geben sich mit zu wenig zufrieden. Schlechte Arbeitsbedingungen und schlechte Ausbildung werden zu oft hingenommen. Wegen der hohen Arbeitsbelastung zeigen Ärztinnen und Ärzte aber auch wenig politisches Engagement. Es herrscht zu viel Einzelkämpfermentalität vor. Die Tarifstreiks zeigen zum ersten Mal das Gegenteil.“ Deshalb rät sie ihren Kolleginnen, Initiative zu zeigen und nicht auf das große Glück zu warten und davon überzeugt zu sein, dringend in der Patientenversorgung gebraucht zu werden.

Dr. Astrid Bühren: „Prinzipiell ist es noch erforderlich, Ärztinnen und Studentinnen Mut zu machen, auch Leitungspositionen zu übernehmen.“ Dazu gehört auch, Studentinnen und jungen Ärztinnen besser darüber zu informieren, wie sie ihren Berufsweg erfolgreich planen und strukturieren können. Angeregt von den Ärztinnengremien der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztinnenbundes wurde das Handbuch „Karriereplanung für Ärztinnen in Hochschule, Klinik und Praxis“ realisiert. Das Handbuch soll mithelfen, Ärztinnen auf Schwierigkeiten und Hindernisse vorzubereiten, mit denen sie während ihres Berufsweges konfrontiert werden können, und es soll Lösungswege aufzeigen. Damit sollen Hürden auf dem Weg in Leistungs- und Führungspositionen für Ärztinnen abgebaut werden. Das Handbuch gibt unter anderem Hinweise auf Möglichkeiten, das eigene Verhalten zu ändern, zeigt Initiativen zur Verbesserung der Chancengleichheit von Mann und Frau auf europäischer und nationaler Ebene auf und informiert über Mentoringprogramme. Herausgeber des Handbuchs ist die Bundesärztekammer. Durchgeführt wird das Projekt an der Charité Berlin unter Leitung von Frau Prof. Dr. Kaczmarczyk und gefördert wird es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Strukturen für Familien schaffen
Auch im Handbuch wird auf die notwendige Eigeninitiative von jungen Ärztinnen hingewiesen. Doch Dr. Iblher vom Jungen Forum des Deutschen Ärztinnenbundes erkennt auch, dass nicht alles in der Hand der jungen Akademikerinnen liegt. Die großen Probleme treten dann auf, wenn Familie und Beruf unter einen Hut gebracht werden müssen. „Mit dem neuen Elterngeld ist sicherlich ein wichtiger Schritt getan, aber es müssen vor allem mehr Kinderbetreuungsplätze geschaffen werden.“

Dass beispielsweise die Kindertagesstätte, direkt am Krankenhaus und auf die speziellen Anforderungen der Ärzte zugeschnitten, Vorteile für beide Seiten bietet, das beweist seit Jahren die Kita am Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus in Murnau. Seit dem 1. März 2006 bietet auch die Universitätsklinik in Halle Kinderbetreuung an. Auch dort war man davon überzeugt, dass die Einrichtung eines Kindergartens nicht nur für Eltern und Kinder, sondern auch für die Klinik insgesamt Pluspunkte bringt. Denn wer die Arbeitszeiten der Eltern bei der Betreuung der Kinder berücksichtigt, Krippenplätze und Hausaufgabenbetreuung und einen Mittagstisch anbietet, der entlastet die Eltern und hier besonders die Mütter von häuslichen Pflichten. Das wiederum bedeutet Flexibilität bei deren Einsatz im Klinikalltag und weniger Ausfallzeiten. Eine Win-Win-Situation für Eltern und Klinik.

Trotzdem tun sich augenscheinlich viele Kliniken schwer, diese Einrichtung anzubieten. Nur rund 15 % der Krankenhäuser in Deutschland, so ergab eine Umfrage des Deutschen Ärztinnenbundes, kümmern sich in einer Kindertagesstätte um den Nachwuchs ihrer Mitarbeiter. Als Grund geben viele mangelndes Interesse ihrer Angestellten und die Kosten an.

Gefragt: Frauen in der Medizin
Wie wichtig es ist, Frauen im Arztberuf und in der medizinischen Forschung stärker zu fördern und zu Wort kommen zu lassen, das zeigen nicht zuletzt aktuelle Entwicklungen in der Geschlechterforschung. In ihren Materialien von 2004 fasste die Bund-Länder-Kommission zusammen: „Die Anforderungen der ärztlichen Praxis sind bis heute in ihren Lehrinhalten, Leistungskriterien, Forschungsmethoden und Arbeitsbedingungen an der männlichen Normalbiographie ausgerichtet. In den letzten Jahren wird jedoch der Notwendigkeit einer geschlechtsspezifischen Gesundheitsforschung in der Medizin auch in Deutschland Rechnung getragen.“ Eine Entwicklung, die sich fortsetzen soll.

Hierzu leistet auch der Deutsche Ärztinnenbund einen Beitrag: „Wir veranstalten alle zwei Jahre wissenschaftliche Kongresse“, berichtet Dr. Astrid Bühren. „Mit diesen Kongressen bemühen wir uns, Themen zu befördern, die unserer Meinung nach vernachlässigt sind. Zum Beispiel gendergerechte Gesundheitsversorgung. Wie etwa 1999 mit dem Kongress ‚Frauenherzen schlagen anders – Geschlechtsspezifische Aspekte der Herz/Kreislauferkrankung’. Damit waren wir wirklich sehr bahnbrechend. Letztes Jahr war unser Thema ‚Geschlechtsdifferente Aspekte des Schmerzes’.“

Ebenso wie man Frauen als vernachlässigten Part in der medizinischen Erforschung erkannt hat, genauso erkennt man das vernachlässigte Potenzial an gut ausgebildeten Medizinerinnen, die man jetzt endlich für den Arztberuf gewinnen möchte. Denn die Ausübung des Arztberufes in Deutschland hat in den letzten Jahren an Attraktivität eingebüßt. Viele Ärzte zieht es deshalb beispielsweise nach Skandinavien oder Großbritannien. Dort locken weniger Bürokratie und geregeltere Arbeitszeiten. Und während in den Ballungszentren der deutschen Großstädte momentan noch nicht von einem Ärztemangel gesprochen wird, so dünnen sich die Arztpraxen in ländlichen Gebieten und hier insbesondere im Osten der Republik merklich aus. Immer mehr ältere Ärzte setzen sich zur Ruhe, während immer weniger jüngere an einer Übernahme der Praxen interessiert sind. Nachfrage besteht auch an den Krankenhäusern. Abhilfe hat in den neuen Bundesländern vorerst der Zuzug von ausländischen Ärzten vor allem aus Mittel- und Osteuropa geschafft.

In einem Statement weist auch Dr. Andreas Köhler, Bundesvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung auf den drohenden Ärztemangel hin. Er ist sich sicher, dass es an den Rahmenbedingungen liegt, warum beispielsweise Kolleginnen nicht für die Patientenversorgung gewonnen werden können. Er fordert deshalb: „Das Vertragsarztrecht muss dahingehend geändert werden, dass auch niedergelassene Kolleginnen und Kollegen teilzeittätige Ärztinnen und Ärzte anstellen können, dass die Flexibilität größer wird und die Bindung des Vertragsarztes an einen Praxissitz deutlich geringer wird. Damit könnte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich erhöht werden und ein derzeit brachliegendes Potenzial hochqualifizierter Ärztinnen wieder für Patienten gehoben werden.“

Dr. Tonia Iblher glaubt auch, dass in diesem drohenden Mangel eine Chance für junge Ärztinnen besteht: „Ärztinnen werden in der Patientenversorgung dringend gebraucht.“ Mittlerweile schwindet auch das Schreckensimage der so genannten Rabenmutter, die trotz Familie Karriere machen möchte. Denn, so Dr. Iblher: „Berufstätigkeit trotz Familie ist ‚en vogue’.“


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