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Medizinstudium: Bewährte Blockpraktika (08.05.2009)

Das chirurgische Blockpraktikum für 80 Studierende je Zug beinhaltet sämtliche praktischen Lehrveranstaltungen für die chirurgische Ausbildung der Studierenden. Konzeptionell wird die erste Woche als Skilltraining bezeichnet und die zweite und dritte Woche als Tutor-Coaching. Während des Skilltrainings werden dem Studenten die praktischen und theoretischen Grundlagen vermittelt, die er zum Antritt seines Praktischen Jahres aufweisen sollte. Die Studierenden werden in die Chirurgische Frühbesprechung integriert und erleben realistisch, wie wichtige Therapieentscheidungen im Tumorboard getroffen werden. Da manche Entscheidungen für Studierende nicht gleich zu verstehen sind, findet jeweils direkt im Anschluss eine interdisziplinäre Nachbesprechung zwischen einem chirurgischen und einem internistischen Onkologen statt.

Kernstück des Praktikums sind vier praktische Seminare. Im Osteosyntheseseminar werden an Plastikknochen mit echten Bohrern, Schrauben und Platten die Grundlagen der Osteosynthesetechnik beigebracht. Jeder Student muss Zug- und Stellschrauben einbringen, offen reponieren, K-Drähte bohren und Plattenosteosynthesen durchführen. Im Gips- und Verbandskurs werden sechs grundlegende Verbandstechniken von jedem Studenten am Partner durchgeführt. Vom Pflasterzügelverband über Unterarmschienen, bis hin zur Anlage einer dorsovolaren Gipslongette mit anschließender Zirkulierung erstreckt sich das Repertoire. Im Naht- und Knotenseminar werden die grundlegenden Knotentechniken beigebracht und die Nahttechniken von Allgöwer und Donati an Schaumstoffpräparaten geübt. Im Anastomosenseminar stehen die Nahttechniken und Schlingenführungen der Viszeralchirurgie im Vordergrund. An Schaumstoffrohren und Schaumstoffmägen wird die Rekonstruktion nach Billroth I und II durchgeführt.

Innerhalb der Tutor-Coaching-Wochen wird der Student einem Arzt zugeteilt. Unter ärztlicher Supervision innerhalb der Alltagsroutine einer chirurgischen Klinik wird der Patientenkontakt hergestellt, und erlernte Fähigkeiten und Kenntnisse können praktisch angewendet werden.

Die derzeitige Hochschulausbildung steht immer häufiger im Kreuzfeuer der Kritik. Studierende kritisieren die mangelnde Praxisrelevanz in der Ausbildung und zu große Unterrichtsgruppen, Universitätsdozenten beklagen sich über halb gefüllte Hörsäle, und manche Klinikärzte bemängeln den Kenntnisstand der jungen Ärzte. Durch Einführung der neuen Approbationsordnung mit festgelegten Umstrukturierungen konnten alte Lehrformen und verstaubter Unterricht durch Ausbildung in Kleingruppen, interdisziplinäre Lehrformen, praxisnahe Seminare und Blockpraktika ersetzt werden.

Praktische Fähigkeiten, die bisher kaum im Praktischen Jahr erlernt wurden, sind jetzt Bestandteil des Pflichtprogramms. Am OP-Tisch ist es möglich, gleichzeitig zu operieren und zu lehren – ohne dass der Tagesablauf des am Patienten tätigen Chirurgen wesentlich beeinträchtigt wird. Die Bereitschaft der Dozenten, die Studierenden in die Alltagsroutine zu integrieren, erforderte Übung, Zeit und Geduld. Die Erfahrung mit den vier durchlaufenden Blockpraktika ergab, dass sich die Studierenden und Dozenten trotz wechselnder Kombinationen im Laufe des Jahres immer besser aufeinander abstimmten. Der Unterricht während der drei Wochen eines jeden Blockpraktikums wurde als Gemeinschaftsaufgabe aller Professoren, Oberärzte und Assistenzärzte gesehen. Die Vielfalt der angebotenen Lehrformen bietet aber auch Dozenten, die nicht in vorderster akademischer Front stehen, die Möglichkeit, sich in Vorlesungen, Seminaren und Kursen zu etablieren.

Auch wenn nicht alle Studierende Chirurgen oder Unfallchirurgen werden, so konnte dieses Praktikum doch viele Studenten für ein operatives Fach begeistern. Allein das Bewusstsein der Studenten, an einem Praktikumstag willkommen zu sein, führte zu einer deutlich höheren Motivation, sich auch theoretisch weiter einzubringen. Als Nebeneffekt berichteten die Dozenten über deutlich mehr Freude an der Lehre und Ausbildung.

Die neu verankerten Lehrformen mit Blockpraktika und Kleinstgruppen können eine hohe Akzeptanz bei der Ausbildung der Medizinstudierenden erreichen. Trotz Integration der Studenten in die Alltagsroutine ist die Mehrbelastung von circa 30 Prozent der Dozenten in der Lehre zu spüren. Manche Routinearbeiten und wissenschaftliche Projekte müssen auf die Zeit zwischen den Blockpraktika verschoben werden. Um auf breiter Basis langfristig die Lehre zu verbessern und die Reihenfolge der Gewichtung Lehre, Forschung, Patientenversorgung an Universitätskliniken zu unterstreichen, ist die Gleichstellung der erbrachten Lehre im Vergleich zum Einwerben von Drittmitteln und der Kumulation von Impakt-Punkten notwendig. Die vom Träger zeitgleich verordneten massiven Stellenkürzungen sind für die Ausbildung der Studierenden allerdings kontraproduktiv.

Priv.-Doz. Dr. med. Robert B. Brauer
Technische Universität München

Deutsches Ärzteblatt 102


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