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„Es ist ein flächendeckendes und permanentes Problem“ (08.07.2009)

Herr Ehl, das Krankenhaus Schramberg im Kreis Rottweil hat einen Aufnahmestopp für Patienten in die Innere Abteilung erlassen. Als Grund führte die Klinikleitung Ärztemangel an. Welche Schreckensmeldungen haben wir künftig noch zu erwarten?
Armin Ehl: Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass in Zukunft mehr Krankenhäuser Ähnliches melden, denn der Ärztemangel ist kein singuläres Problem, das wir nur aktuell spüren, sondern der Ärztemangel ist ein flächendeckender und permanentes. Er wird mit Sicherheit auch noch die nächsten 15 Jahre anhalten.

Welche Gründe sind ausschlaggebend für den Mangel?
Ehl: Zunächst einmal gibt es einen Widerspruch, der dann doch keiner ist: In Deutschland fehlen trotz steigender Arztzahlen zunehmend Ärzte. Die Gründe sind im Wesentlichen die Überalterung der Ärzteschaft, das Thema „Medizin wird weiblich“ und die Reduzierung der Arbeitszeit. Auch Ärzteflucht ins Ausland trägt zum Ärztemangel bei, solange die Arbeitsbedingungen in anderen Ländern einfach attraktiver sind als hier. Aber die Ärzteflucht ist meines Erachtens nicht der Hauptgrund für den zukünftigen Mangel, sie spielt nicht die entscheidende Rolle.

Wie verhält es sich mit den von Ihnen genannten Hauptgründen?
Ehl: Statistiken der Bundesärztekammer besagen, dass im Zeitraum von 2007 bis 2012 rund 41.000 Ärztinnen und Ärzte älter als 65 Jahre sein werden – 33.000 davon im niedergelassenen Bereich. Bis 2017 werden sogar 77.000 Ärztinnen und Ärzte 65 Jahre und älter sein – davon wiederum 59.000 in den Praxen. Das bedeutet, es wird einen riesigen Sog geben aus den Kliniken in die Praxen, um überhaupt die ambulante Versorgung aufrechthalten zu können. Ich glaube, die Überalterung der Ärzteschaft ist als Hauptursache für den Ärztemangel der Zukunft zu sehen.
Dass die Medizin zunehmend weiblich wird, belegt die stetig steigende Zahl der Medizinstudentinnen. Aktuell liegt sie bei 61 Prozent. Der Anteil der berufstätigen Ärztinnen beläuft sich noch auf 41 Prozent, aber die Erstmeldungen bei den Landesärztekammern lagen im vergangenen Jahr schon bei 58 Prozent. Die kontinuierlich steigende Zahl der Frauen in der Medizin hat Auswirkungen auf die Arbeitszeiten. Unsere Umfrage aus dem Jahr 2007 zu den Arbeitsbedingungen der Klinikärzte in Deutschland hat gezeigt, dass bereits heute rund 80 Prozent unserer Mitglieder weniger als 50 Stunden in der Woche arbeiten wollen. Dieser Trend wird durch die sogenannte Verweiblichung noch zunehmen.

Ärztinnen wollen weniger ­Arbeiten als ihre männlichen Kollegen?
Ehl: Frauen tendieren, anders als Männer, weniger dazu, arbeiten zu wollen, bis sie umfallen. Sie haben oft eine andere Lebensperspektive, der Beruf ist für sie nicht alles, Privat- und Familienleben nehmen einen viel höheren Stellenwert ein. Dies setzt sich übrigens auch immer mehr bei den männlichen Kollegen durch. Geregelte Arbeitszeiten sind heute mehr gefragt denn je. Nicht zuletzt deshalb hat der Marburger Bund Anfang 2007 seine bundesweite Kampagne „Für ein familienfreundliches Krankenhaus“ zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf ins Leben gerufen.

Der Trend geht also zu mehr Freizeit?
Ehl: Besagte MB-Umfrage hat gezeigt, dass Ärztinnen und Ärzte in der Vergangenheit generell einfach zu viel gearbeitet haben. 90 Prozent der Klinikärzte arbeiteten demnach 50 bis 80 Stunden in der Woche. Der Trend geht dahin, diese Arbeitszeit zu reduzieren. Das deutsche Arbeitszeitgesetz und die EU-Arbeitszeitrichtlinie haben nicht umsonst die 48-Stunden-Grenze für die Vollarbeit in der Woche festgelegt. Dies hat letztlich auch etwas mit Patientensicherheit zu tun. Bei Menschen, die länger als 24 Sunden am Stück wach bleiben und arbeiten müssen, steigt die Fehlerquote rapide an. Es ist also sowohl im Interesse der Ärzte und der Familien als auch im Interesse der Patienten, wenn sich die Arbeitszeit nach unten normalisiert.
Ausgangspunkt zur Normalisierung der Arbeitszeit muss eine ordentliche Arbeitszeiterfassung sein. Bei den Tarifverhandlungen mit den Ländern und den Kommunen 2005 und 2006 haben wir in den Tarifverträgen die elektronische Arbeitszeiterfassung verankert. Aber diese Geschichte ist längst nicht ausgestanden. Laut unserer Umfrage klagen immer noch mehr als 50 Prozent der Klinikärzte, dass bei ihnen keine ordentliche Arbeitszeiterfassung vorhanden ist.

Was bedeutet das speziell für den Marburger Bund?
Ehl: Der Marburger Bund hat die Tendenz schon seit Langem erkannt und versucht, die Arbeitszeit für die Ärzte zu optimieren. Unsere ganzen Bemühungen zum Arbeitszeitgesetz, zur EU-Arbeitszeitrichtlinie, zu Dokumentation, zur Zusammenarbeit mit den Landesämtern für Arbeitsschutz gehen in diese Richtung. Das Hauptmittel, das uns dabei zur Verfügung steht, sind die Tarifverträge. Dort hat der Marburger Bund große Flexibilität bewiesen. Wir sehen die 48 Stunden aus dem Arbeitszeitgesetz nicht als die Ultima Ratio, sondern haben Öffnungsmöglichkeit zugelassen, wenn Bereitschaftsdienst geleistet wird. Die Arbeitgeber haben die Möglichkeit, die Arbeit in ihren Häusern zu organisieren. Das bedeutet natürlich auch, dass wir erwarten, dass die Arbeitgeber mittelfristig weitere Ärzte einstellen. Wir werden weiterhin darauf drängen, dass sie ihre Hausaufgaben aus den Tarifverträgen machen. Will heißen: Wir wollen eine transparente und faire Arbeitszeiterfassung in allen Kliniken …

... um was zu erreichen?
Ehl: Eine flächendeckende Arbeitszeiterfassung wird die Arbeitszeit normalisieren. Daneben gibt es flankierende Effekte, wie die Verweiblichung des Berufes, die den Druck auf die Klinikleitungen erhöhen, Arbeitszeiten dem allgemeinen Lebensstil anzupassen. Hinzu kommt die angesprochene Überalterung der Ärzteschaft. Daraus ergibt sich im Umkehrschluss, dass es einen höheren Bedarf an Klinikärzten geben wird, um die Arbeit in den Krankenhäusern abzudecken. Deshalb sagte ich: Der Ärztemangel wird zu einem Dauerproblem.

Wo sehen Sie darüber hinaus die Herausforderungen für die Zukunft?
Ehl: Eines der wesentlichen Themen für den Verband wird sicherlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein. Außerdem müssen sich Ärzte künftig selbst mehr einbringen. Die angestellten Ärzte haben eine gute Vertretung im Marburger Bund, aber auf der Ebene der Betriebs- und Personalräte werden sie sich wesentlich stärker engagieren müssen. Deswegen bieten wir mit Blick auf die Betriebsratswahlen im Frühjahr 2010 kostenlose MB-„Schnupper-Seminare“ für Ärztinnen und Ärzte an, die in ihren Kliniken kandidieren wollen. Außerdem arbeiten wir sehr stark daran, unsere Ärzte über die Marburger Bund Zeitung und das Internet noch besser zu vernetzen.
Darüber hinaus müssen wir im Bereich der Kammern weiterhin gut aufgestellt sein. Gerade jetzt, da das Thema Weiterbildung durch die Evaluation in den Kammern und das dadurch zu erwartende, „harte“ Datenmaterial einen neuen Impuls erhält, müssen wir dort aktiv mitwirken. Aus meiner Sicht ist jedoch die große gesundheitspolitische Frage der Zukunft: Wie begegnen wir dem Ärztemangel? Er gefährdet mittlerweile nicht nur die Versorgung in ländlichen Gebieten, sondern hat auch die Metropolen erreicht. Hier müssen wir Lösungen anbieten.

Wie könnten die aussehen?
Ehl: Eine Möglichkeit sehe ich in der Öffnung der medizinischen Fakultäten für Studierwillige und -geeignete, denen der Weg durch den hohen Numerus clausus zurzeit noch versperrt ist. Es muss in den kommenden Jahren sicher mehr Medizinstudenten an den Fakultäten geben, ohne dass man Qualitätseinbußen zulässt.
Wir müssen uns auch die Frage stellen, warum 20 Prozent der Medizinstudierenden nach dem Praktischen Jahr keine kurative ärztliche Tätigkeit aufnehmen. Das Praktische Jahr soll motivieren, scheint jedoch genau das Gegenteil zu bewirken. Mit der gemeinsamen Kampagne des Marburger Bundes und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden machen wir gegenwärtig auf die Missstände im PJ aufmerksam. Wir wollen aber auch den Dialog zwischen den Medizinstudenten und den Universitäten befördern, um dem erwähnten negativen Trend im Praktischen Jahr entgegenzuwirken. Bei den Studenten selbst müssen wir über unsere sehr gute Vertretung der Medizinstudenten im Marburger Bund den Kontakt zu ihnen forcieren, um ihnen zu zeigen, dass die Arbeit in den Krankenhäusern sehr wohl sehr attraktiv ist. Im Übrigen bedeutet dieser Ansatz nicht, dass wir etwas gegen nichtkurative ärztliche Tätigkeiten haben. Wir werden auch weiterhin mit Veranstaltungen wie dem „Career Day Medizin“ und der Medizinermesse „DocSteps“ die gesamte Bandbreite des Marktes darstellen. Schließlich ist der Marburger Bund auch dafür da, Markttransparenz für seine Mitglieder zu schaffen.

Herr Ehl, vielen Dank für das Gespräch.

*E-Mail-Adresse des Autoren: ziegler@marburger-bund.de


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