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Krankenhauseinweisung: Der verkaufte Patient (08.09.2009)

Warum weist ein Arzt einen Patienten in eine bestimmte Klinik ein? Weil er dort die beste Behandlung bekommt? Weil dieses Krankenhaus für diese Erkrankung besonders spezialisert ist? Falsch. Der Grund ist banaler, aber für den Arzt lukrativer: Er bekommt für den überwiesenen Patienten ein Prämie. Bis zu 1000 Euro Kopfgeld sollen laut Frankfurter Allgemeine Zeitung Kliniken an niedergelassene Ärzte für jeden von ihm eingewiesenen Kranken zahlen. Nicht in bar, aber indem bestimmte Leistungen der niedergelassenen Ärzte für das Krankenhaus zu besonders hohen Honoraren abgerechnet werden dürfen.

Unglaublich? Keineswegs. Und nur Einzelfälle, wie der Vize-Präsident der Bundesärztekammer Dr. Frank-Ulrich Montgomery im heutigen ARD-Morgenmagazin bekundete? Erst recht nicht. Manfred Wirth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) und Klinikdirektor in Dresden, gab zu, dass mittlerweile ganze Regionen existieren, in denen solche Prämien inzwischen gängige Praxis seien. Nach Angaben der DGU handelt es sich um Summen, die das 10- bis 20-Fache des normalen Honorars für Urologen pro Quartal und Patient ausmachen. Allerdings, bisher haben es die Beteiligten geschafft, diesen Prämienwildwuchs unter der Decke und vor den Patienten versteckt zu halten.

Natürlich taucht sofort die Frage auf, wer kommt auf so etwas? Rudolf Kösters, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, sagte ebenfalls im ARD-Morgenmagazin, dass niedergelassene Ärzte die treibende Kraft hinter diesem Spiel sind. Diese seien auf die Krankenhäuser zu gekommen und hätten sie „heftig unter Druck“ gesetzt. Wenn kein Geld fließe, dann gebe es auch keine Patienten mehr, so die Drohung. Ausschließen, dass auch Krankenhäuser die Initiative ergriffen hätten, will er allerdings nicht.

Ärztevertreter Montgomery will von Erpressung nichts wissen. Das sei „kompletter Unsinn“. Er schiebt die Schuld in die Schuhe der Krankenhäuser. Er kenne „sehr viele Versuche von Krankenhäusern, den Ärzten unmoralische Angebote zu machen“.

Für den Patienten macht das kaum einen Unterschied, er ist der Angeschmierte. Die DGU bemängelt denn auch: „Ob die Zuweiser die Prämie fordern oder annehmen - es bleibt ein juristisch und ethisch überaus fragwürdiges Prozedere.“

Das Ungeheurliche daran: Niemand bestreitet, dass es diese Kopfprämien gibt. Sowohl Krankenhäuser als auch Ärzte tun so, also ob das gängige Praxis und eine gute Sache sei. Völlig ohne Schuldbewusstsein trumpfte Montgomery denn auch auf. Er findet es schade, dass ein „wirklich gutes, vernünftiges Instrument von Kliniken und Praxis durch diese Debatte, die als Scheindebatte in den Wahlkampf eingebracht wird, kaputt gemacht wird“. Diese Verträge seien im Grunde „etwas sehr gutes“.

Da staunt der geneigte Patient. Wenn Monetik bestimmt, wo er operiert wird, dann kann er durchaus beunruhigt sein. Aber nein, wiegelt der Ärztevertreter ab. Natürlich habe das Geld gar keinen Einfluß auf die Entscheidung. Ärzte würden ihre Patienten nicht nach monetäre Kriterien in Krankenhäuser einweisen. Wer mag das glauben?

Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe sagte der FAZ, Geld für eine Einweisung zu nehmen, sei “total verboten”. Doch die Medizin sei in hohem Maß kommerzialisiert. „Da halten die Ehrenkodexe nicht mehr.“

Die Musterberufsordnung Ärzten ist allerdings eindeutig. Sie verbietet „für die Zuweisung von Patienten oder Untersuchungsmaterial ein Entgelt oder andere Vorteile sich versprechen oder gewähren zu lassen oder selbst zu versprechen oder zu gewähren\".

Allerdings weist der Spiegel darauf hin, dass es zahlreiche juristische Kniffe gebe, die Kooperationen zwischen Zuweisern und Kliniken gerechtfertigt und legal erscheinen lassen können. Laut DGU nutzen Ärzte und Krankenhäuser die juristischen Schlupflöcher, um Kooperationsverträge abzuschließen.

Dass die umstrittenen Prämien das Vertrauen zwischen Ärzten und Patienten untergraben könnten, scheint inzwischen einigen aufzugehen. Doch beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gibt es keinen Überblick über die Verbreitung der Praxis, sagen Sprecher. „Aber es ist ein Problem“, gab die KBV zu. Gemeinsam mit den Kliniken bereite die KBV nun ein Rundschreiben gegen die Praktiken vor.

„Dass niedergelassene Ärzte von Krankenhäusern Prämien für die Einweisung von Patienten erhalten, ist ein unfassbarer Skandal“, kritisiert der Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen Brysch. Er betonte: „Die Opfer solcher Machenschaften sind in erster Linie die Schwerstkranken und Sterbenden.“ In ihren letzten Lebensmonaten würden sie im Schnitt fünfmal zwischen Pflegeheim und Krankenhaus hin und her überwiesen. „Jetzt kommt heraus, wie sehr sich das für die niedergelassenen Ärzte lohnt“, warnt Brysch. Quelle: ARD-Morgenmagazin


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