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Angesteckt im Klinikbett (17.04.2009)

Das Kindbettfieber war berüchtigt – noch weit ins 19. Jahrhundert hinein. Warum nur starben so viele Wöchnerinnen daran? Ignaz Semmelweis, Geburtshelfer aus Wien, kam dem mysteriösen Tod im Kindbett auf die Spur. Er fand heraus, dass die Infektion der jungen Mütter durch Keime verursacht wurde, die von den ungewaschenen Händen von Ärzten stammten. Jenen Ärzten, die gerade von der Leichenbeschau kamen . . . 1858 veröffentlichte Semmelweis seine bahnbrechende Erkenntnis – doch seine Kollegen wollten nicht wahrhaben, dass sie selbst die Infektionen übertrugen, anstatt sie zu heilen. Erst eine Ärztegeneration später zog man an den Krankenhäusern die Konsequenzen. Wöchnerinnen bekamen einen neuen Strohsack und sterilisierte Decken; bevor die Ärzte die Entbundenen untersuchten, desinfizierten sie sich mit Chlorkalk.

150 Jahre nach Semmelweis\' Entdeckung erkranken allein in Deutschland noch immer mehrere hunderttausend Menschen jährlich im Krankenhaus an einer Infektion. Verlässliche Zahlen zu den sogenannten nosokomialen Infektionen gibt es nicht, das Robert-Koch-Institut in Berlin geht nach seinen Hochrechnungen von deutlich über einer halben Million Fälle aus. Harnweg- infekte und Lungenentzündungen sind am häufigsten, gefolgt von Wundinfektionen nach Operationen und Blutvergiftungen. Von den 64 000 Patienten, bei denen der Erreger ins Blut gelangt, sterben laut der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene 40 Prozent. Das sind geschätzt 25 600 Menschen – weit mehr als im Straßenverkehr oder an Aids sterben.

Wie kommt es zu den erschreckend großen Zahlen? Schuld sind nicht die Ärztehände. Auch bei bester Hygiene, sagt Professor Bhanu Sinha vom Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Uni Würzburg, seien nicht alle Keimattacken in der Klinik vermeidbar. Die Menschen werden älter, in den Krankenhäusern liegen immer mehr betagte Patienten mit einem anfälligen, geschwächten Abwehrsystem. Oder Krebspatienten, deren Immunabwehr durch Medikamente herabgesetzt wurde. Dazu kommt die steigende Zahl der invasiven Verfahren mit Endoskop und Katheter. Auch Beatmungsgeräte können unerwünschte Keime in den Körper leiten.

Einer der häufigsten Auslöser von Klinikinfektionen ist der Erreger Staphyloccocus aureus. Ein eigentlich ziemlich harmloser Hautkeim, der bei jedem dritten Menschen bevorzugt auf der Schleimhaut des Nasenvorhofs sitzt und normalerweise keine Infektion verursacht. Schaden richtet er erst an, wenn er in den Körper dringt und das Immunsystem dem Angreifer nicht standhalten kann.

Das Hauptproblem aber hat vier Buchstaben: MRSA (Methicillin-resistenter Staphyloccocus aureus). Weil sich diese Varianten des Bakteriums, bei denen Methicillin und die meisten anderen gängigen Antibiotika nicht mehr wirken, rasant ausbreiten, wird die Behandlung immer schwieriger. Entstanden sind die Resistenzen vor allem durch den falschen und übertriebenen Einsatz von Antibiotika. Statt sie für den Kampf gegen hartnäckige, lebensbedrohliche Erreger aufzusparen, werden neue, hocheffektive Präparate zu oft gegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit oder auch einfache Blasenentzündungen verabreicht. Wenn diese Medikamente dann zudem nicht hoch genug dosiert sind, können sich resistente Staphylokokken umso schneller ausbreiten.

Waren 1990 in deutschen Kliniken nur zwei bis drei Prozent der Staphylokokken-Stämme gegen alle gängigen Antibiotika resistent, sind es heute schon 22 Prozent. In US-amerikanischen Hospitälern ist jeder zweite Erreger resistent. Die scheinbar allmächtige Wunderwaffe ist zur wirkungslosen Arznei geworden. Bei manchen Erregern müssen die Ärzte hilflos zusehen, wie die Patienten chronische und lebensgefährliche Infektionen entwickeln. „Das ist dann wie vor 150 Jahren“, sagt Oberarzt Dr. Alexander Friedrich, der früher an der Uni Würzburg, jetzt in Münster die Klinikkeime erforscht. Auch Professor Jörg Hacker, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, wird nicht müde zu warnen: „Antibiotikaresistenzen stellen in Deutschland ein infektionsmedizinisches Problem ersten Ranges dar.“

Staphylococcus aureus ist ein Alleskönner – „leider in negativem Sinne“, sagt der Arzt für Mikrobiologie Bhanu Sinha. Der Problemkeim Nummer eins kann Wunden befallen – und Lungen, Knochen oder Herzklappen. Und weil die Bakterien vermutlich tückisch in die Körperzellen eindringen können und dort vor der Immunabwehr – und vor vielen Antibiotika – geschützt sind, wird die Bekämpfung besonders schwierig.

Am Institut für Molekulare Infektionsbiologie sucht eine Arbeitsgruppe nach Therapieansätzen und Angriffspunkten für neue Wirkstoffe gegen den gefürchteten Klinikkeim. Vor zwei Jahren haben sich die Würzburger Infektionsforscher, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, mit Kollegen aus Greifswald und Tübingen zu einem Forschungsverbund zusammengeschlossen, um die krankmachenden Eigenschaften der Staphylokokken zu erforschen. „Noch kennen wir den Erreger und seine Schwachstellen nicht gut genug“, sagt Privatdozent Dr. Knut Ohlsen. Denn warum hat der eine nur kurzfristig die Keime auf der Haut, bei anderen aber setzt er sich richtig fest?

Umso besser, wenn sich Patienten im Krankenhaus gar nicht erst anstecken. „Hygiene machen wir in Deutschland besser als viele andere Länder, das ist unsere Stärke“, sagt Alexander Friedrich. „Aber ich kann gar nicht richtig handeln, wenn ich nicht weiß, wer MRSA-Träger ist.“ In den Niederlanden gibt es daher ein konsequentes Screening: Dort werden alle Risikopatienten bei der Aufnahme in die Klinik erst einmal in ein Einzelzimmer gelegt und routinemäßig auf MRSA getestet. Die Auswertung des Nasenabstrichs dauert zwei Tage – doch das Risiko, dass ein Patient MRSA mitbringt und andere Patienten ansteckt, ist so groß, dass der Aufwand gerne in Kauf genommen wird. Und er lohnt sich: Der Anteil multiresistenter Keime in niederländischen Kliniken ist auf unter ein Prozent gedrückt – an einer MRSA-Blutvergiftung stirbt dort praktisch kein Patient.

Manche Dinge kann man mit ganz einfachen Mitteln abstellen“, sagt Sinha. „Man muss sie viel und gut kommunizieren.“ Der enge Austausch zwischen Pflege- und Altenheimen, BRK und anderen Transportdiensten und Kliniken sei unerlässlich, damit die Keime nicht ahnungslos weitergetragen werden. Mit den Gesundheitsämtern der Region hat die Uniklinik im Herbst begonnen, ein MRSA-Netzwerk Unterfranken aufzubauen.

Mehr Informationen über das regionale Netzwerk und Infos zu MRSA: www.mrsa-unterfranken.de


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